Geschichte des Handball Herrsching
Wie so viele Vereine wurde auch der TSV Herrsching in den Nachkriegsjahren 1947 neu gegründet. Bereits seit 1909 wurde in Herrsching allerdings schon organisiert Sport betrieben – beim MTV Herrsching versuchten sich ausschließlich Männer beim Turnen sowie beim Fußball, ehe sich Letztere 1925 abkapselten und den Verein für Rasensport ins Leben riefen.
Im Zuge der Aufbruchstimmung nach der NS-Herrschaft wurde im Jahre 1948 unter dem Dach des ein Jahr zuvor aus dem Rasensportverein hervorgegangenen TSV Herrsching schließlich auch eine Handballabteilung aufgebaut. Seinerzeit wurde freilich noch auf dem Fußballplatz der sogenannte Großfeldhandball gespielt. Mangels fehlender Kapazitäten mussten sich Fußballer und Handballer den Sportplatz am See zur Ausübung ihrer Freizeitaktivität teilen.


Der auch damals schon nicht unübliche Kleinfeldhandball war in Herrsching mangels eigner Sporthalle zumindest im Winter nicht ausübbar. Der erste Kleinfeldplatz entstand vor der TSV-Gaststätte – der heutigen „Seeheimat“ und TSV-Geschäftsstelle. Allerdings bot sich den Herrschingern in der Münchner Ausstellungshalle (auf Betonboden!) die Möglichkeit im Winter auf Kleinfeld zu spielen. Die erste Partie ging am 30.11.1949 mit 2:3 gegen den SV Pullach verloren.
Schnell fanden auch die ersten Frauen eine sportliche Heimat bei den Handballern – ein Novum im bis dato sehr männerlastigen Sportbetrieb. Namen wie Anni Bichler oder Klara Sigl sind eingefleischten Handballern heute noch so geläufig wie Josef Spindler und Ernst Brack aus der damaligen Herrenmannschaft. Manche Anekdote um die Spiele auf dem einen oder anderen „Mit Kuhfladen übersäten Acker“ oder der Anreise zu den Spielen auf der Ladefläche eines LKWs macht heute genauso noch die Runde, wie die zahlreichen geselligen Abende und legendären Feiern der Handballer.


In der ehemaligen Zollschule, der heutigen Hochschule für den öffentlichen Dienst im Finanzwesen, entstand zudem die Möglichkeit Freundschafts- und Trainingsspiele in der Halle auszurichten. Dort kam es am 22.01.1956 auch zum ersten Herrschinger Hallenturnier, an dem neben den Gastgebern der TSV Weilheim, der TSV Peißenberg, der ESV Neuaubing, der SV Moosach sowie ein Team der Zollschule teilnahmen. Die Zollschüler, die oftmals Handballer aus höherklassigen Vereinen in ihrem Team hatte, konnte nicht nur die Premiere für sich entscheiden, sondern ging auch in den Folgejahren oftmals als Sieger hervor. Den Verantwortlichen der Zoll- und Finanzschule gelang es schließlich den damaligen, in Herrsching lebenden Landtagspräsidenten Rudolf Hanauer als Schirmherrn für die späteren Turniere, an denen nun auch Damenmannschaften teilnahmen, zu gewinnen. Von nun an trug das Turnier den Namen „Haunauer-Pokalturnier“. Längst war es schon lieb gewordene Tradition, dass im Anschluss an den sportlichen Wettstreit in der im Haus befindlichen Kantine ein „Tanzball“ den Abschluss bildete. Letztmalig wurde der Hanauer-Pokal am 16.03.1975 ausgerichtet, als sich sowohl die Herrschinger Damen-, als auch die Herrenmannschaft den Turniersieg sicherten.
Die ganz großen sportlichen Erfolge blieben seinerzeit jedoch noch aus und es gibt kaum Überlieferungen über Ergebnisse und Tabellen. Fakt ist, dass sich die Handballer mehr und mehr etablierten und schon bald die ersten Jugendlichen die Freude am Handballsport entdeckten. Am 6.1.1958 fand schließlich das erste Spiel einer Herrschinger Jugendmannschaft beim TSV Landsberg statt. Initiator war unser heutiges Ehrenmitglied Sepp Siglstetter, der maßgeblich am Aufbau der Jugend- und Schülermannschaften beteiligt war.
Dennoch dauerte es eine ganze Weile, ehe Ende der 60iger, Anfang der 70iger Jahre mit der endgültigen Umstellung vom Großfeld- zum Hallenhandball und der damit einhergehenden Umstrukturierung der Altersklassen der Jugend in Herrsching eine komplette Jugendabteilung aufgebaut war. Hilfreich war hierbei sicherlich auch der Bau der staatlichen Realschule mit der Fertigstellung 1968. Von nun an stand den Handballern nicht nur ein Hartplatz zur Verfügung, sondern erstmals war es auch möglich in der Halle zu trainieren. Wenngleich die damalige Realschulhalle aufgrund der mangelnden Größe nicht für Punktspiele geeignet war. Diese wurden bis Ende der 70iger Jahre in der „Finanzschulhalle“ ausgetragen, ehe die Herrschinger Handballer in der neu gebauten Gilchinger Gymnasiumhalle eine sportliche Heimat für ihre Punktspiele fanden.
Und schön langsam stellten sich auch die ersten sportlichen Erfolge ein. Mit dem Gewinn der Oberbayerischen Meisterschaft der männlichen B-Jugend setzten die Herrschinger 1972 den ersten sportlichen Paukenschlag. Das Team um die drei Müller-Brüder Hermann, Max und Roman oder auch Max Brandl, Robby Belzner und Jürgen Rettinger und den leider viel zu früh verstorbenen Alois Wimmer und Wolfgang Spindler war später auch im Herrenbereich durchaus erfolgreich.
So richtig durchstarten konnten die Herrschinger freilich erst mit dem Bau der Nikolaushalle Anfang der 80iger Jahre. Der Beharrlichkeit des damaligen Abteilungsleiters Sepp Siglstetter ist es zu verdanken, dass diese Dreifachhalle nicht ausschließlich dem Schulsport, sondern auch für den TSV Herrsching zugänglich und nutzbar gemacht wurde. Endlich stand eine „eigene“ Sportstätte sowohl für den Trainings-, wie auch den Spielbetrieb zur Verfügung.
Schnell wuchs nun die Mitgliederzahl von gut 200 auf nahezu 300 Handballerinnen und Handballer. Längst konnten die Herrschinger neben Damen- und Herrenteams auch in sämtlichen Altersklassen der Jugend sowohl im weiblichen, wie auch männlichen Bereich Mannschaften stellen. 1977 nahmen beispielsweise gleich drei männliche D-Jugendteams am Spielbetrieb teil. Der Jahrgang 1966 bestach jedoch nicht nur durch Masse, sondern insbesondere auch durch seine Klasse, konnte doch zum zweiten Mal der Titel des Oberbayerischen Meisters an den Ammersee geholt werden. Die Jungs um ihren Spielmacher Kurt Siglstetter machten bayernweit von sich reden, als ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks einen Bericht über die erfolgreiche Mannschaft in der Sendung „Auf die Plätze“ um den legendären Moderator Ekkehard Bauer drehte.
Doch zurück in die Nikolaushalle – die neue „Heimat“ – bot nun neben dem sportlichen Alltag eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, wie etwa die Ausrichtung von Turnieren. In den 80iger Jahren waren unsere Damen- und Herrenmannschaften in den Sommermonaten auf zahlreichen Freundschaftsturnieren, wie etwa in Ailingen, Börtlingen, Lindau oder Waiblingen zu Gast. So entstand bald die Idee ein eigenes Turnier auszurichten. Insbesondere auf Betreiben der beiden damaligen Herrenspieler Wolfgang Spindler und Hans Wannenmacher wurde der „Ammerseepokal“ ins Leben gerufen. Seine Premiere fand dieses bald schon weit über die Landkreisgrenzen gleichermaßen bekannte wie beliebte Turnier 1982. Den sportlichen Teil entschieden bei der ersten Auflage die Frauen der TSG Ailingen sowie die Männer des TV Kempten für sich. Doch der Ammerseepokal war insbesondere wegen seines grandiosen Tanzabends in der Martinshalle mit Liveband, Bar und Tombola nicht nur bei allen Handballern überaus beliebt.
Aus leider sehr traurigem Anlass wurde bereits ein Jahr zuvor in der damals brandneuen Nikolaushalle das erste Ilse-Jenauth-Gedächtnisturnier ausgerichtet. Zu Ehren der Weihnachten 1980 im Alter von nur 32 Jahren verstorbenen Ilse Jenauth trafen sich ausschließlich Damenmannschaften zum sportlichen Andenken an die beliebte Sportlerin. Das Turnier schlief leider 1992 schon wieder ein, da der persönliche Bezug der Gastmannschaften zu unserer Ilse nicht mehr gegeben war und immer weniger Mannschaften bereit waren, sich den Termin im November freizuhalten.
Dank der großzügigen Tribüne der Nikolaushalle war es den Herrschinger Handballern von nun an auch möglich, sich einem breiten Publikum zu präsentieren. Erstmals bei einem Handballspiel rappelvoll war die Nikolaushalle am 16. April 1987 beim Freundschaftsspiel unserer Herrenmannschaft gegen den Bundesligisten TuRU Düsseldorf. Unser damaliger Abteilungsleiter Hans Wannenmacher hatte wenige Monate zuvor auf einem Trainerlehrgang in Freiburg bei einer Tombola dieses Spiel als Hauptpreis gewonnen. Als die Partie mit 43:23 zu Gunsten der Rheinländer endete, hätte wohl kaum jemand vermutet, dass sich zwischen beiden Vereinen eine langjährige Freundschaft entwickeln würde. So gastierte der Erstligist 1988 und 1990 zu zwei weiteren Freundschaftsspielen am Ammersee und im Sommer 1991 unternahmen die Profis einen dreitägigen Mannschaftsausflug nach Herrsching. Unser späterer Herrentrainer Harald Fischer entstammte der damaligen Düsseldorfer Mannschaft und unsere Jugendnationalspieler Tobias Wannenmacher und Elmar Romanesen durften 1996 und Christoph Hinz und Martin Wild ein Jahr später an den jeweiligen Trainingslagern der Düsseldorfer in Schweden teilnehmen.
Richtigen Spitzenhandball zu sehen bekamen alle handballbegeisterten Herrschinger auch im Herbst 1987, als die französische Nationalmannschaft am Ammersee gastierte und gegen eine Bayernauswahl antrat. Zur damaligen Zeit waren die Franzosen noch ein gutes Stück weit entfernt zur internationalen Spitzenklasse, die sie heute innehaben. Im Vorspiel traf eine Regionalauswahl mit unseren Herrenspielern Christoph Otter, Kurt Siglstetter und Hansi Uhl auf die französischen Junioren.
In den nächsten Jahren gaben sich zahlreiche weitere hochklassige Mannschaften aus dem In- und Ausland bei Freundschaftsspielen, Trainingslagern und Turnieren sowie mehrere Auswahl- und Nationalmannschaften ein Stelldichein bei uns in Herrsching:
Hochklassiger Besuch in Herrsching:
- 1987 Freundschaftsspiel unserer Herrenmannschaft gegen TuRU Düsseldorf
- 1987 Französische Nationalmannschaft gegen Bayernauswahl
- 1988 Freundschaftsspiel unserer Herrenmannschaft gegen TuRU Düsseldorf
- 1990 Freundschaftsspiel unserer Herrenmannschaft gegen TuRU Düsseldorf
- 1992 Freundschaftsspiel unserer Herrenmannschaft gegen Celktniks Riga/Lettland
- 1995 Freundschaftsspiel unserer Herrenmannschaft gegen SKA Minsk – 1996 2. DHB-Pokalrunde TSV Herrsching – OSC Rheinhausen
Mit dem 1984 zum Abteilungsleiter gewählten Hans Wannenmacher als innovativen Macher an der Spitze wurde zunächst die Jugendarbeit weiter forciert. Unter seiner Führung wurde mehr und mehr leistungsorientierter trainiert. Die Fürchte dieser Arbeit machten sich bald auch im Damen- und Herrenbereich bemerkbar. So führte der gebürtige Oberammergauer den Jahrgang 1968/69 mit den späteren Größen wie Michael Bischeltsrieder, Willi Dittrich, Christoph Otter oder Hansi Uhl von der C-Jugend bis in die Herrenmannschaft. Diese Jungs bildeten Ende der 80iger Jahre das Gerüst der Mannschaft, die unter Jürgen „Smidi“ Hoffmann – der erste auswärtige Trainer in Reihen der Herrschinger – das Kunststück fertig brachte, dreimal in Folge von der B-Klasse in die Bezirksliga aufzusteigen. Diese Mannschaft bildete die Basis für die weiteren Erfolge im Herrschinger Männerhandball. Und das nicht nur als aktive Handballer, sondern auch später in verantwortlichen Positionen unserer Abteilung.
Dem in nichts nach standen auch unsere Damen, die sich dank namhafter Spielerin-nen wie Claudia Carapacchio, Jutta Stenzel oder Antje Wettstädt respektabel in der Bezirksliga schlugen.
Endgültig an der Spitze im bayerischen Jugendhandball angekommen sind die Herrschinger mit dem Gewinn der Bayerischen A-Jugendmeisterschaft 1995 sowie der Vizemeisterschaft 1996. Allerdings konnten wir im Herrenbereich nur bedingt von den Talenten dieser Mannschaften profitieren. Ein Teil verließ studienbedingt ihre Heimatgemeinde Herrsching und die Ausnahmekönner wie Christoph Hinz, Elmar Romanesen, Tobias Wannenmacher oder Martin Wild wechselten zu hochklassigen Vereinen, wo sie mitunter etliche Jahre als Profis erfolgreich waren.

Der Werdegang dieser Spieler erfüllt uns natürlich mit großem Stolz, ist es doch nicht alltäglich für einen Verein mit unseren Strukturen, sich deutschlandweit einen Namen zu machen und mit Christoph Hinz und Tobias Wannenmacher sowie drei Jahre später mit Mathias Hinz drei Jugendnationalspieler hervorzubringen.
Ein ähnlicher Weg wäre beinahe auch im weiblichen Bereich gelungen, als sich der Jahrgang 1985 die Qualifikation für die A-Jugend Bayernliga sicherte. Leider konnte diese Mannschaft um Johanna Obermair, Melanie Rüttiger und Stefanie Schindlbeck das Niveau nicht nachhaltig bestätigen bzw. in die Damenmannschaft übertragen, da einige Spielerinnen dem Umgarnen der HSG Würm-Mitte nicht widerstehen konnte. Auch in den Folgejahren schaffte es die HSG immer wieder die größten Talente vom Ammersee an die Würm zu locken. Mit Tanja Gangnus, Mia Hermann oder Annika Becker seien nur einige genannt.
Neben den herausragenden Erfolgen im Jugendbereich standen die 90iger Jahre vor allem auch im Zeichen des Pokalwettbewerbs. 1996 gelang es dem Herrschinger Herrenteam sich als Bezirksligist gegen die höherklassige Konkurrenz durchzusetzen und bis ins Endspiel vorzudringen. Dort mussten sich die TSV-Männer denkbar unglücklich mit 19:20 dem damaligen Bayernligisten TSV Landsberg beugen. Der ganz großer Wurf gelang auch zwei Jahre später nicht. Parallel zum Aufstieg in die Landesliga konnten die Herrschinger erneut ins Pokalendspiel einziehen. Diesmal zogen die Herrschinger gegen den Bayernligisten TSV Rothenburg mit 24:28 den Kürzeren.
Doch der weitaus größere Coup gelang unseren Männern 1996, als sie sich neben dem Einzug ins Bayerische Pokalfinale für den DHB-Pokal qualifizierten! Auf dem Weg dorthin schlugen sie unter anderem den damaligen Regionalligisten TSV Friedberg. In der 1. Hauptrunde des nationalen Pokals empfingen die Herrschinger den Tabellenführer der Regionalliga West, den TuS Niederpleis, der nach der ….-Niederlage gegen das „Freilos“ Herrsching völlig konsterniert die 650km lange Heimreise antrat. Die Sensation war geschafft, Herrsching war eine Runde weiter und traf nun am 6. Oktober 1996 auf den OSC Rheinhausen, damals Tabellenvierter der 1. Bundesliga. Die absolut respektable 18:36-Niederlage gegen die Profis um den späteren Weltmeister Andrei Klimovets geriet bei diesem Handballfest in der rappelvollen Nikolaushalle zur Nebensache. Beim 1:0 durch Robert Hirschka skandierten 800 handballbegeisterte Zuschauer „Abpfiff, Abpfiff“.



